Arme Dienstmägde Jesu Christi in den Niederlanden
Arme Dienstmägde Jesu Christi in den Niederlanden
Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts unsere Kongregation sich schnell in den Deutschen Landen verbreitete, hatte man in den Niederlanden noch keine Ahnung von ihrer Existenz.
Auch Mutter Maria Kasper dachte damals nicht daran, dass dort einmal ihre „Armen Dienstmägde“ leben und wirken sollten. Das wurde anders, als die Gräfin Elvira de Marchant et d´Ansembourg im heutigen Amstenrade ein Kloster bauen ließ zur Pflege armer und kranker Dorfbewohner und sich dafür in Dernbach Schwestern erbat.
Mutter Maria stimmte zu, und so wurde am 6. Dezember 1859 das Haus durch Fräulein Elvira, Reichsgräfin von Ansembourg, den Schwestern der ADJC übergeben. Die Einführung der ersten drei Schwestern nahm die Ehrwürdige Mutter selbst vor. Die Schwestern waren: Schw. M. Lucia, Oberin, Schw. Euphrasia und Schw. Julia, Novizinnen.
Bis 1875 scheint das Haus in Amstenrade das einzige Kloster der ADJC in den Niederlanden gewesen zu sein. Erst danach spricht die Chronik von weiteren Filialen im Süden der Provinz Limburg wie Sittard, Spaubeek, Schinnen, Susteren, Voerendaal, die Bischöfliche Residenz zu Roermond und schließlich Lütterade.
Am 26. Mai 1875 kamen Schw. Pankratia und Schw. Arkadia in die Niederlande, besuchten den hochwürdigen Herrn Bischof Msgr. Paradis in Roermond und baten, weitere Niederlassungen in den Niederlanden eröffnen zu dürfen. Nach freundlicher Gewährung der Bitte besuchten beide Schwestern - zusammen mit der Ehrwürdigen Mutter – die Filiale in Amstenrade.
Zwischen 1859 und 1875 spricht die Amstenrader Chronik oft von Besuchen Mutter Marias. Sie nahm meistens den dreistündigen Fußweg, der von Gangelt aus über die Brunssumer Heide führt. Ihre Besuche waren Freudentage für die Schwestern und neuer Ansporn zu innigem Gebetsleben, freudiger Opferbereitschaft und dienender Liebe.
Inzwischen brach 1870 in Deutschland der Kulturkampf aus, der durch seine Gesetze das ganze katholische Leben bedrohte. Mutter Maria erkannte die Gefahr und sah sich jenseits der Grenze nach einem Haus um, das als Zufluchtsort dienen könnte. Durch ihre Beziehungen zu Gangelt und Amstenrade gelang es ihr, ein geeignetes Haus mit Grundstück, den fränkischen Bauernhof der Familie Lemmens in Lütterade, zu erwerben. Schw. Adalberta, Oberin in Gangelt, die sich das Haus angesehen hatte, wurde beauftragt, am 5. Oktober 1875 die ersten Schwestern dorthin zu begleiten. Die Ehrwürdige Mutter besuchte schon am 8. Oktober die Schwestern und stattete bei dieser Gelegenheit dem Hochwürdigsten Herrn Bischof einen Besuch ab. Sie empfahl ihm die Schwestern und sagte, dass unser Beruf die Krankenpflege sowie die Erziehung der Kinder zur Aufgabe stelle.
Die Schwestern hatten in dem damals bereits 111-jährigen Haus – über der Haustüre stand die Zahl 1764 – viel zu tun.
Auf Wunsch des Pfarrers erteilten die Schwestern den Kindern des Dorfes unentgeltlich Unterricht in Handarbeiten. Innerhalb von drei Jahren führten sie schon ein kleines Pensionat und eröffneten eine ‚niederländische‘ Schule.
Letztere brachte manche Schwierigkeiten mit sich, da man damals noch keine ‚Hauptlehrerin‘ und noch nicht alle erforderlichen, vom niederländischen Staat anerkannten Diplome besaß. Trotz vieler Mühen und Beschwerden entwickelte sich Lütterade zu einer Filiale, die bald in der Umgebung - bis über die Grenzen hinaus - bekannt wurde.
Als nun die ‚Maigesetze‘ das Klosterleben und das katholische Schulwesen in Deutschland sehr erschwerten, war das Haus aufnahmebereit für Schwestern, Schülerinnen und auch für Postulantinnen aus Deutschland.
Da infolge dieser Gesetze keine Einkleidung und Professablegung in Preußen stattfinden durften, wurden unter der Leitung des Geistlichen Rates Wittayer am 8. April 1880 nach vorausgegangenen Exerzitien 16 Postulantinnen hier eingekleidet.
Nach Ende des Kulturkampfes um 1890 entstanden für die Schwestern und Schülerinnen in der deutschen Heimat neue Möglichkeiten. Das Pensionat war bekannt geworden. Man hatte Beziehungen erworben, und viele Eltern schickten ihre Töchter gern nach Lütterade.
Zu dieser Zeit zählte das Haus 15 Professschwestern, 6 Novizinnen, 4 Postulantinnen und 50 Pensionärinnen. Das Haus wurde mehrmals erweitert, und so stand um die Jahrhundertwende in Lütterade ein großes stattliches Haus mit vielseitiger Tätigkeit wie Unterricht und Erziehung der Jugend, Krankenpflege und Ambulanz sowie Ausbildung der Klosterjugend im Noviziat.
Da sich Noviziat und Pensionat stets ausbreitete und immer mehr Schwestern hinzukamen, baute man im Jahre 1907 eine große neugotische Kapelle.
1936 wurde das Haus zum ‚Provinzialat‘ erhoben, und die Schwestern erhielten ihre eigene niederländische Provinz.
In dieser Zeit warf der zweite Weltkrieg schon seine Schatten voraus.
Am 10. Mai 1942 war für die Niederlande der Krieg ausgebrochen und sollte nicht enden, ohne seine Spuren zu hinterlassen.
Am Sonntagmorgen, dem 2. August 1942, wurde Schw. M. Aloysia Löwenfels, aus einer jüdischen Familie geboren, von der Gestapo abgeführt und schon bald danach, zusammen mit Edith Stein und anderen Ordensleuten, in Auschwitz vergast.


Zwei Monate später, in der Nacht vom 4. Zum 5. Oktober 1942, wurde das Provinzhaus bombardiert und durch Brandbomben völlig zerstört. Durch Gottes Schutz und Güte blieben – wie durch ein Wunder – alle 150 Personen: Schwestern, Kinder und Nachbarn unversehrt.
Der Klosterbau in der Hauptpfarrei ‚St. Maria‘ wurde im Mai 1940 fertig gestellt, so konnte das Provinzialat und der größte Teil der Schwestern dort vorübergehend Aufnahme finden. Nach dem Kriegsende ging man mit neuem Mut an die Aufbauarbeit.
1950 war das neue Haus soweit fertig, so dass Schwestern und Pensionärinnen wieder einziehen konnten. 1951 kam das Altenheim hinzu und 1954 die höhere Mädchenschule.
Im Laufe der Zeit wurden in den Niederlanden von mehreren Orten und Pfarreien Niederlassungen der ADJC gewünscht. Die folgenden Klöster wurden gegründet (Schließungsjahr in Klammern):
In der Provinz Limburg, Bistum Roermond
Kloster ‚St. Joseph‘ Amstenrade 1859 (1985)
Kloster ‚St. Joseph‘ Geleen/Lütterade 1875 (2003)
Kloster ‘St. Joseph’ Vaals 1885 (1969)
Kloster ‘St.Antonius’ Geleen/Alt Geleen 1924 (1986)
Kloster ‘Katharina’ Geleen/Lindenheuvel 1928 (1962)
Kloster ‘St. Maria’ Geleen/Centrum 1940
Emmaushaus Geleen/Centrum 1973 (1989)
In der Provinz Utrecht, Bistum Utrecht
Kloster ‚St. Ansfridus‘ Hamersveld/Leusden 1893 (1998)
In der Provinz Gelderland, Bistum Utrecht
Krankenhaus ‚Antonia‘ Terborg 1898 (1959)
Kloster ‚Michael‘ Herwen 1911 (1974)
In allen Häusern und Bereichen lebten und arbeiteten deutsche Schwestern mit den niederländischen Schwestern harmonisch zusammen. Es gab also schon zu dieser Zeit internationale Gemeinschaften der ADJC mit sowohl deutschen als auch niederländischen Oberinnen. Nach 1936 kamen jedoch keine deutschen Schwestern mehr hinzu; die Besetzung der Niederlassungen wurde bald überwiegend niederländisch.
Die Aufgaben der Schwestern waren: Kindergarten, Grundschule, höhere Schule für Jugendliche, Nähunterricht, Katechese, Pensionat, Altenheim und externe Altenpflege, Ambulanz, Sozialarbeit und Hilfeleistung im internen Pastoralzentrum.
Daraus ergibt sich, in welchen Arbeitsbereichen die Schwestern vom Anfang an tätig waren. Sie wurden, wenn sie nicht schon mit Diplomen eintraten, ihrer Neigung und Veranlagung oder den jeweiligen Umständen entsprechend ausgebildet.
Nach Kräften und Möglichkeiten setzen die Schwestern sich seit 1970 im Geiste des II. Vatikanischen Konzils ein, z. B. in der Ortskirche durch Katechese für Kinder und Jugendliche, als Lektoren oder Kirchenwächter. Letzteres macht es möglich, tagsüber die Kirche für Besucher offen zu halten. Sie arbeiten in Dekanats- und Diözesanen Gremien sowie bei alten und pflegebedürftigen Schwestern. Sie sind Mitglieder in Kommissionen von Gerechtigkeit und Frieden (diese Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, Ungerechtigkeiten politisch, gesellschaftlich und kirchlich weltweit bekannt zu machen), in Solidaritätskommissionen der KNR (Konferenz der Niederländischen Religiösen – deutsche DOK).
1980 eröffnete die Provinzleitung ein Haus für ‚akut gewordene‘ obdachlose Menschen. Vier Schwestern erklärten sich für diese Aufgabe bereit. Das Haus war zur Aufnahme dieser Menschen täglich 24 Stunden geöffnet, d. h. Tag und Nacht. Diese Arbeit war allerdings nur durch die Mithilfe von vielen ehrenamtlichen Helfern möglich.
Nachdem 1985 das Kloster ‚St. Joseph‘ in Amstenrade geschlossen worden war, war das eine gute Gelegenheit, in Brunssum-Treebeek eine neue Niederlassung ‚De Heilbron‘ zu eröffnen, ein Viertel, wo viele arme Menschen nach dem Schließen der Zeche arbeitslos geworden waren.
Die Schwestern machten es sich zur Aufgabe, diese Leute gastfreundlich aufzufangen und anzuhören. Die Arbeitslosigkeit brachte viele Spannungen in den Familien. Auch den Armen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die immer in einer Krisensituation stecken, die keine Stimme haben (die sog. 4. Welt Menschen), kamen hier zusammen zu Gesprächen und Gebetsdiensten. Sie lernten, wie wichtig es ist, für sich selbst aufzukommen, um ihre Selbstwürde wieder zu erlangen.
Durch den heutigen Priestermangel bieten die Schwestern regelmäßig Agapefeiern an (gemeinschaftliche Gebetsdienste mit Religiösen und Laien, wo eine Eucharistiefeier nicht möglich ist).
Das Kloster ‚St. Joseph‘ (Provinzhaus) in der Geenstraat war für die stets kleiner werdende Zahl der Schwestern zu groß, so baute man 1983 im Garten ein entsprechend kleineres Haus: Kloster St. Joseph in De Vaart.
2003 war auch das Gebäude zu groß. So zogen die Schwestern in das inzwischen neu renovierte Kloster ‚St. Maria‘ in der Molenstraat um. Somit ist das erste Kloster hoffentlich auch das letzte Kloster!
Ein eigenes Altenheim haben wir nicht, unsere alten Schwestern wohnen in einem Altenheim in der Nähe (Valkenburg).
Die Kongregation stellte 1989 das ‚Emmaushaus‘ für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden waren, zur Verfügung. Eine unserer Schwestern wohnte viele Jahre mit den Frauen in diesem Haus und war ihnen – soweit es ihr möglich war – in allem behilflich. Nach einigen Jahren wurde die geheime Adresse nach außen bekannt und das Haus musste geschlossen werden.
Für die Hilfe von Tamil-Flüchtlingen, die durch den Krieg in Sri-Lanka ihre Zuflucht im Land suchten, bekamen wir Schwestern aus Indien. 1996 wurde für diese Arbeit ein Haus in Sittard gekauft.
Die niederländische Provinz zählte einmal 168 Schwestern: 71 niederländische und 97 deutsche. Zurzeit hat die Region 19 Schwestern, davon sind zwei Schwestern aus Indien. Es bestehen noch zwei Niederlassungen: ‚De Heilbron‘‘ in Treebeek und Sancta Maria‘ (Regionalhaus) in Geleen. Elf Schwestern arbeiten noch aktiv ehrenamtlich in den o.g. Diensten.
Wir gehen zuversichtlich der Zukunft entgegen und möchten unsere alten und pflegebedürftigen Schwestern solange wie möglich selbst mitversorgen. Wir werden uns auch weiterhin aktiv in unserer Kirche und Gesellschaft engagieren und uns dafür nach unserem eigenen Niveau einsetzen.
Es ist eine schmerzliche Erfahrung zu erleben, dass die Gruppe der Schwestern immer kleiner wird. Auf der anderen Seite macht es uns glücklich festzustellen, dass wir in unserem spirituellen Leben und im Charisma unserer Gründerin wachsen.
Wir sind ein Teil einer internationalen Gemeinschaft, das verhilft uns zu einer positiven und optimistischen Einstellung, da die Kongregation an anderen Orten der Welt wächst und neu aufblüht.
Auch unsere Angegliederten und die ‚Fiat Spiritus‘ Gemeinschaft geben uns Hoffnung für die Zukunft der Gemeinschaft.
Mutter Maria gründete die Kongregation, um Kindern, Kranken, Armen und Bedürftigen zu helfen, um dort zu wirken, wo Menschen in Not waren. Solange wir dieses Erbe fortführen, wird die Kongregation nicht untergehen.
Von Sr. Hermana Brand




