An alle Freunde, Interessierten, Wohltäter unserer Nigeria-Mission
Garam, Mitte Juli 2010
Liebe Wohltäter und Freunde,
ein neuer Bericht soll an Sie alle auf den Weg kommen, mit Dank für alle Hilfe in jeder Form, die wir von Ihnen erfahren haben und die uns immer sehr erfreut.
Die wichtigste Nachricht zuerst: in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli, um 3.15 Uhr früh, ist ein kleiner gesunder Junge in unserer Klinik in Mgbele geboren. Sr. Chinasa leitete die Entbindung, unterstützt von Postulantin Christiana - die eigentlich Hauswirtschafterin ist. Sr. Scholastica war nicht anwesend, sie nimmt an einer Fortbildung für Krankenschwestern in Port Harcourt teil. Das ist ein neuer Beginn auch für uns, wir sind froh und stolz.
Die Kliniken entwickeln sich an allen drei Konventen, geleitet von unseren Schwestern: Sr. Veronica und Sr. Irene in Ifetedo, Sr. Scholastica und Sr. Chinasa in Mgbele, Sr. Onyenonachi und Sr. Gloria in Garam. Jeweils etwa 10 Dörfer werden von diesen Standorten aus erreicht. Die eingeschriebene Patientenzahl erreicht etwa 1000 in jedem Standort. Dabei kommen jetzt in der Regenzeit nicht immer viele Menschen zu den meist alle zwei Wochen stattfindenden Kliniktagen; in der Regenzeit geht aufs Feld, wer immer laufen kann. Aber es ist auch deutlich zu spüren, daß die Gesundheitserziehung und die Medikation den Menschen helfen. Die Epilepsiepatienten nehmen ihre Tabletten und vermeiden so weitere Anfälle; ebenso die Hochdruck- und Diabetespatienten vor allem im Südosten. Frauen kommen mit den kranken Babys, aber auch sie haben gelernt, daß es für alle besser ist, wenn sie nicht warten, bis das Fieber lebensgefährlich hoch wird. Schwierig ist es an allen Orten, schwer erkrankte Patienten in ein Krankenhaus zu bringen. Oft sind dort weder Ärzte noch Krankenpflegepersonal anzutreffen, vor allem in den Regierungskrankenhäusern, wo die Gehälter sehr unregelmäßig gezahlt werden. Und die hygienischen Bedingungen sind unvorstellbar. Zwei unserer Schwestern mußten im letzten halben Jahr operiert werden, an Unterleibszysten bzw. Blinddarmentzündung, und die Heilung gestaltete sich schwierig. An den Kliniktagen geben die Schwestern auch immer Hinweise auf gesunde Ernährung, und auch das trägt langsam Früchte, ebenso wie das saubere Wasser in den Dörfern, wo wir mit Ihrer Hilfe Brunnen bohren konnten.
Ein Schwerpunkt hat sich inzwischen auch in der schulischen Erziehung ergeben. Wir haben jetzt zwei Schulen und planen eine dritte; der Bau dafür hat schon begonnen. Von der ersten Schule in Azhin Khasa, hier in der Nähe von Garam, hatte ich schon mehrfach berichtet. Dort erreichen wir fast 200 Kinder; unter Leitung von Sr. Chika unterrichten zwei Schwestern und drei Postulantinnen in dem so weit im Busch liegenden Dorf, daß dort bisher kein Kind in eine Schule gehen konnte. Die Leute im Dorf haben uns Land gegeben, und wir haben mit dem Bau einer Schule angefangen für zunächst drei Klassen Kindergarten bzw. Vorschule und zwei Klassen Grundschule. Die Anträge auf Genehmigung liegen bei der Landesregierung vor, ein erster Inspektionsbesuch hat stattgefunden mit guten Ergebnissen. Allerdings Nigeria - die Inspektoren erwarten je etwa 50 Euro in Naira, für Reisekosten und Essen an diesem Tag, bar auszuzahlen. Vier Männer kamen. Das sind unerwartete, aber unvermeidbare Kosten. Das Antragsverfahren kostet auch reichlich, bisher haben wir schon über 2000 Euro bezahlt.
In Ifetedo hatten die Einwohner von Area 4 ja schon von Anfang an um eine Schule gebeten; es ist ein ähnlich isoliertes Dorf ohne Schule. Seit Januar 2010 haben wir dort begonnen mit Vorschule in drei Gruppen; wir erreichen etwa 70 Kinder. Allerdings ist es dort noch schwieriger mit der Entfernung vom Konvent. Sr. Elochukwu kann nur dreimal in der Woche in dieses Dorf kommen, wenn die Kliniktage in der Nähe sind. Sie arbeitet dann vor allem mit den drei jungen Lehrerinnen, von denen nur eine richtig ausgebildet ist. Auch da ist uns Land angeboten, allerdings sind wir noch nicht so weit wie in Azhin Khasa, weil es noch Differenzen im Dorf gibt, wo die Schule und damit der Bohrbrunnen genau liegen sollen. Derzeit unterrichten wir die Kinder in einer Dorfhalle. Seitdem wir gekommen sind, haben drei andere Anbieter mit Schulen begonnen, die nehmen allerdings viel Schulgeld, so daß die armen Familien dieses Angebot nicht nutzen können. Die "Geschwister Afrikas" unterstützen das Projekt; wir sind sehr dankbar.
In Mgbele hat ein Schweizer Arzt und ein von ihm gegründeter Verein Land gekauft für eine Schule, nahe unserem Kinderhaus. Dort hat auch ein Bau begonnen, wir hoffen bis Jahresende mit dem Unterricht anfangen zu können. Wo es so viele Kinder gibt wie in Nigeria, ist Schule immer wesentlich. Immerhin sind hier noch fast 40% der Bevölkerung Analphabeten. Eine Anmerkung dazu: zwei der jungen Männer, die bei uns am Tor Dienst taten, hatten anfangs an den Alphabetiserungsklassen teilgenommen und sich dann entschlossen, in eine Schule zu gehen, mit 25 bzw. 29 Jahren. Beide sind jetzt Schüler und hoffen, einen Beruf lernen zu können.
In der außerschulischen Erziehung wächst das Kinderhaus in Mgbele. Die Kinder sind glücklich und halten wie Geschwister zusammen. Wenn Kinder kommen, die bisher vernachlässigt und ungewollt waren, ist uns die Feier eines Geburtstags immer wichtig - alle sollen wissen, daß sie auf dieser Welt willkommen sind. So haben wir für Olue, das etwa vierjährige fast verhungerte Kind, das wir kurz vor Weihnachten 2009 aufnahmen, jetzt einen großen 4. Geburtstag gefeiert. Rafael, der damals etwa 11jährige Junge, den wir 2006 aufnahmen aus dem Kindergefängnis und der nichts so gerne wollte wie in die Schule gehen (ich habe ihm die Anfänge von Lesen und Schreiben gelehrt), hat jetzt den Übergang in ein Gymnasium mit Internat geschafft, als einer der über 300 Bewerber, von denen 90 genommen wurden. Die deutsche Botschaft hat uns die Einrichtung eines Spielplatzes mit Schaukel, Wippe und Rutsche genehmigt. Auch das Lehrlingsprojekt existiert weiter, mit derzeit 5 Jungen; einer wird Weihnachten seine Lehre abschließen können.
Im März konnten wir neue Postulantinnen aufnehmen; derzeit sind wir in Nigeria 3 deutsche Schwestern in ewiger Profeß, 14 nigerianische Schwestern in zeitlicher Profeß, zwei weitere Schwestern sind zur Weiterbildung in den USA seit Anfang Mai; dazu kommen 13 Novizinnen und 9 Postulantinnen sowie eine ganze Reihe Aspirantinnen, die immer eine Zeitlang mit uns leben und sich auf den Eintritt nächsten März vorbereiten. Sr. Sara wird leider im September nach Deutschland zurückkehren; für 3 Monate erwarten wir im Juli erneut Sr. Nancy aus USA.
Die politischen Verhältnisse in Nigeria sind nicht erfreulich. Nach langem Krankenlager und viel Unsicherheit ist der Staatspräsident Yar'Adua im Mai verstorben; Jonathan Goodluck ist ihm als zunächst stellvertretender, jetzt amtierender Präsident gefolgt. Januar bzw. April 2011 sollen Neuwahlen sein, doch gibt es bisher kaum Vorbereitungen, keine Wahllisten, keine Wahlkommission. Die nigerianische Verfassung schreibt vor, daß jeder der 36 Bundesstaaten Anspruch auf einen Ministerposten hat; das fördert nicht gerade die Qualität der Exekutive. Für die Zeit der Wahlen rechnet die deutsche Botschaft mit vermehrten Unruhen und Entführungen. Wir hatten auch einen Schrecken mit einer versuchten Entführung von Sr. Scholastica in Mgbele; Rafael war am Tor und hat gesehen, daß einer der angeblichen Besucher ein Gewehr unter dem Kaftan hatte. Zwei der Bande, die schon einige Leute entführt hat, sind festgenommen, aber viele weitere sind frei. Es geht immer um Lösegeld, denn Wahlkampf ist teuer. Die Inflation hat zweistellige Werte erreicht, wir spüren es bei jedem Einkauf von Lebensmitteln auf dem Markt. Dazu kommen die Kosten für Transport - aufgrund der miserablen Straßen verschleißen die Autos sehr schnell, etwa alle zwei Monate müssen alle Reifen ausgewechselt werden, und jetzt sind in drei unserer fünf Autos Motorschäden und Schäden an der Schaltung aufgetreten.
In der Diözese Minna, in der unser Ausbildungshaus liegt, fand im Mai eine Diözesansynode statt. Sr. Chika hat unsere Gemeinschaft vertreten. Es ging um die Förderung der Familienpastoral in der Diözese. Die Kirche ist noch sehr jung, manche Vorstellungen deutlich vorkonziliar, so etwa wenn in der Synode gesagt wurde, die Diözese sei eigentlich eine Familie mit dem Bischof als Großvater, den Priestern als Vätern, den Schwestern als Mütter und den Laien als Kinder ... Und die Konkurrenz zwischen den verschiedenen "Kirchen" ist groß; die freikirchlichen Gemeinschaften haben überall Niederlassungen und werben sehr aggressiv. Von den religiösen Auseinandersetzungen mit den Muslimen merken wir nichts; die Kämpfe, die immer wieder ausbrechen, haben soziale und nicht religiöse Gründe, aber sie werden als Religionskämpfe bezeichnet und sie sind oft tödlich für alle im betreffenden Umfeld. In unseren Kliniken werden überall auch Muslime behandelt, da gibt es keine Trennung.
Ich möchte mit diesem kurzen Zwischenbericht schließen, Ihnen allen von Herzen danken auch im Namen unserer Schwestern und Betreuten, und Sie bitten, uns weiterhin zu helfen, denn die Not ist vielfältig und groß. Aus dem derzeit sehr feuchten, aber immer heißen Nigeria viele liebe Grüße an Sie alle
Ihre Schwester Christeta und alle Schwestern und Kinder




